BRIGITTE MÜNCH

Naxos Tor  Die linke Seite des Bettes

Die Liebe und ihre Nebenwirkungen

»Inspirationen kommen oft blitzartig, ohne dass man wirklich weiß, woher«

Ein Interview von Lisa Scheffler mit Brigitte Münch

Die Liebe begegnet uns in den unterschiedlichsten Formen, Farben und Intensitäten. Ein Mal ist sie wunderschön, ein anderes Mal schmerzt sie sehr. Doch immer wieder lassen wir uns verführen. So wie Günther, den die große Liebe in Indien wie der Blitz trifft. Dabei hatte er schon gar nicht mehr daran geglaubt …

Die zahlreichen Facetten der Liebe behandeln auch die Erzählungen von Brigitte Münch in ihrem Erzählband »Doch welcher Fluss fließt rückwärts … Kartografie der Liebe«, aus der die jetzt neu veröffentlichte Geschichte »Die linke Seite des Bettes« entnommen ist. Mit der Autorin haben wir uns über ihre Geschichte unterhalten.

Lisa Scheffler: Liebe Frau Münch, in Ihrer Geschichte geht es um eine außergewöhnliche Liebesbeziehung. Günther hat Ravi in seinem Urlaub in Indien kennengelernt und kurzerhand mit nach Deutschland genommen. Wie kamen Sie dazu, diese Geschichte zu schreiben? Was war Ihre Inspiration?
Brigitte Münch: So etwas ist schwer zu beantworten – Inspirationen kommen oft blitzartig, ohne dass man wirklich weiß, woher. Ich selbst reise gern.

Lisa Scheffler: Ravi wird in der Geschichte als »Reisesouvenir« und Günther als sein »stolzer Besitzer« bezeichnet. Wieso haben Sie gerade dieses negative Bild für Ihre Geschichte über die große Liebe gewählt?
Brigitte Münch: Das ist nicht so wörtlich gemeint, eher als eine Art Metapher. Und doch zeigt es natürlich den gewaltigen Unterschied zwischen den Welten: hier der Wohlhabende aus der »Ersten Welt«, der sich alles leisten kann, eben auch einen armen Jungen, oder jungen Mann wie ein Reisesouvenir mit nach Hause zu nehmen. Und dort Menschen der »Dritten Welt«, die nur Überleben kennen. Und doch, auch wenn das hier angesprochen wird, trifft das auf Günther nicht ganz zu. Er hat sich ganz ehrlich verliebt, unerwarteterweise – und wollte nicht loslassen.

Lisa Scheffler: Es wird auch das Symbol vom »goldenen Käfig« mehrmals erwähnt. Damit gehen Sie auch auf das kritische Thema Abhängigkeit ein, das heutzutage wieder aktueller wird. Warum haben Sie sich dazu entschieden, das anzusprechen?
Brigitte Münch: Der »goldene Käfig« bezieht sich hier einzig und allein auf diese Geschichte und Ravis Situation – von der Günther eben nicht weiß, ob er sie wirklich als Käfig empfindet – ob golden oder nicht.

Lisa Scheffler: Auch andere kritische Themen wie die Armut in Indien werden in Ihrer Kurzgeschichte angesprochen und regen zum Nachdenken an. Finden Sie, dass literarische Geschichten geeignet sind, auf gesellschaftliche Themen aufmerksam zu machen?
Brigitte Münch: Natürlich, warum denn nicht? Auch, wenn es wie hier nur ein Nebenprodukt ist.

Lisa Scheffler: Warum haben Sie für diese Geschichte ein schwules Paar gewählt? Steckt eine bestimmte Absicht dahinter?
Brigitte Münch: Nein. Inspirationen kommen, wie sie eben kommen … Vielleicht sah ich die beiden einfach plötzlich vor mir.

Lisa Scheffler: Das dominierende Thema der Geschichte sind Günthers Verlustängste und sein Gefühl, ohne Ravi nicht mehr leben zu können. Ravi dagegen scheinen solche Gedanken fern zu sein. Glauben Sie, ältere Menschen wie Günther haben mehr Angst vor dem Alleinsein als jüngere?
Brigitte Münch: Nein, das ist ganz unabhängig vom Alter – wobei man ja auch gar nicht weiß, ob Ravi nicht ebenso fürchtet, von Günther irgendwann auf die Straße gesetzt zu werden. Aber die Geschichte wird halt aus Günthers Sicht erzählt.

Lisa Scheffler: Viele Menschen sind auf der Suche nach dem Partner fürs Leben und würden dafür fast alles tun. Ravi verlässt für das gemeinsame Leben mit Günther sogar sein Heimatland. Bedeutet, jemanden zu lieben, auch immer, etwas von sich aufopfern zu müssen?
Brigitte Münch: Wahrscheinlich. Es kommt immer darauf an, auf was man notfalls verzichten kann, wenn es sein müsste und der Liebe dient. Man kann alles Mögliche aufgeben, aber auf keinen Fall sich selbst!

Lisa Scheffler: Ihre Geschichte ist auch in der 2016 erschienenen Anthologie ›Heimat‹ zu finden. In welcher Verbindung stehen für Sie Heimat und Liebe?
Brigitte Münch: In gar keiner.

Lisa Scheffler: Warum haben Sie gerade Indien als Ravis Heimatland gewählt? Hat dieses Land eine besondere Bedeutung für Sie?
Brigitte Münch: Die Inspirationen … Keine Ahnung, wieso mir Indien einfiel. Vielleicht der Reiz des Kontrastes?