BRIGITTE MÜNCH

Naxos Tor Die Muse
Die Muse, der Autor und das Ägäische Meer


Ein Gespräch zum griechischen Sommerabend: Interview mit Brigitte Münch
von Yolanda Hellmanns Carvajal

Eine Kleinigkeit essen, eine interessante Geschichte lesen, sich an andere Orte bringen lassen – in diesem Fall, Griechenland. Wer möchte das nicht? Brigitte Münch macht in ihrem Interview Appetit auf mehr: wir unterhalten uns über Und dann kam die Muse – erschienen beim Größenwahn Verlag als E-book. Außerdem sprechen wir über ihr Leben als Deutsche in Griechenland, Überwindung von Schreibblockaden und die Faszination der griechischen Mythologie.

Yolanda: Sie haben schon mehrere Bücher und Geschichten beim Größenwahn Verlag veröffentlicht. Unter anderem das Buch Geschenk vom Olymp, in welchem Und dann kam die Muse auch enthalten ist (unter dem Titel: »Sage mir, Muse…«). Dort haben alle Erzählungen etwas mit griechischer Mythologie zu tun. Woher kommt Ihr Interesse am Thema?

Brigitte Münch: Mein Interesse an Griechenland besteht schon seit Jugendjahren, und zwar für die antike und die moderne Welt gleichermaßen. Ich habe seinerzeit die griechischen Sagen und Homer regelrecht verschlungen, sie faszinieren mich noch heute. Kontakt mit dem modernen Griechenland hatte sich schon sehr früh ergeben – durch griechische Familien in der Nachbarschaft. Mich nahm gleich die Mentalität gefangen – und später das ganze Land mit seiner Landschaft und vor allem mit seinem Meer.

Yolanda: Welche mythologische Figur würden Sie gerne kennenlernen?

Brigitte Münch: Viele… aber da ich mich entscheiden muss: Odysseus. Weil er eine sehr interessante und vielschichtige Figur ist, gern reist wie ich (sicher waren seine zehnjährigen Irrfahrten nicht ganz unfreiwillig!) und viel gesehen, erlebt und zu erählen hat (bestimmt noch mehr als in der Odyssee!).

Yolanda: Hat die Mythologie in Griechenland einen höheren Stellenwert als in Deutschland?

 Brigitte Münch: Auf jeden Fall. Vieles hat sich mit dem Christentum vermischt, außerdem gehört die Mythologie zum Schulunterricht. Sie trägt ja einen großen Anteil an den griechischen Wurzeln.

Yolanda: Hört man in hier das Stichwort “Griechenland”, so ist der erste Gedanke mit Krise verbunden. Sie leben schon seit über dreißig Jahren auf der griechischen Insel Naxos, wie lebt es sich dort als Deutsche?

Brigitte Münch: Man kann immer nur von seiner persönlichen Erfahrung reden, und meine ist sehr gut! Ich lebe hervorragend hier und habe als Deutsche keine Probleme.

Yolanda: Wie lief die Integration in einem fremden Land? Wie sind Sie dazu gekommen und was hält Sie dort fest? Erzählen Sie von Ihrer Erfahrung.

Brigitte Münch: Diese Fragen sind nicht mit ein paar Worten zu beantworten – es stecken längere Geschichten dahinter. Ich hatte nie Probleme, mich in einem fremden Land zu integrieren. Dazu gekommen bin ich durch meine frühe Bekanntschaft mit Griechen (ich hatte auch einen griechischen Ehemann, von 1968-1973). Naxos war dabei reiner Zufall – früher hatte ich auch ein Jahr in Thessaloniki gelebt. Inzwischen halten mich meine langjährigen Wurzeln hier fest, meine Freundschaften und die Schönheit und landschaftliche Vielfalt der Insel, die weder zu groß noch zu klein ist. Und last but not least: das Meer!

Yolanda: Das klingt nach einem idyllischen Wohnort. Sie erwähnen die frühe Bekanntschaft mit Griechen – heute sind Sie griechisch-deutsch Übersetzerin: wie haben Sie Griechisch gelernt? Wie wichtig ist es, im Alltag auf Griechisch kommunizieren zu können?

Brigitte Münch: Griechisch habe ich sehr schnell schon in Jugendjahren gelernt, eben durch die besagten frühen Kontakte. Es ist in jedem Land wichtig oder zumindest von großem Vorteil, die Sprache zu können, nicht nur hier.

Yolanda: Welche Eindrücke haben Sie von der aktuellen griechischen Gesellschaft?

Brigitte Münch: Das ist ein großes Thema, das sich nicht mit ein paar Worten abhaken lässt. Außerdem ist eine diesbezügliche Antwort immer sehr persönlich gefärbt, vor allem, weil ich ja selbst schon längst Teil dieser Gesellschaft bin. Wobei ich natürlich auch gewisse deutsche Wurzeln in mir nicht verleugnen kann und will.

Yolanda: Was ist Heimat für Sie und wo ist diese – in Griechenland oder in Deutschland?

Brigitte Münch: Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich wohl fühle – und wo ich mich wohl fühle, bin ich auch zu Hause. In meinem Fall bedeutet Deutschland natürlich auch noch eine Art Heimat – aber nur in dem Sinn, dass ich dort geboren und aufgewachsen bin. Mein Zuhause aber ist hier, in Naxos, Griechenland.

Yolanda: Zu Beginn von Und dann kam die Muse hat Autor Tasso eine Schreibblockade, haben Sie auch schonmal darunter leiden müssen?

Brigitte Münch: Oh ja! Zurzeit z.B. Aber ich leide nicht darunter, weil das Literatur-Übersetzen für mich durchaus erfüllend ist. Außerdem bin ich keine »Voll-Schriftstellerin« – eher ist das eine Art Nebenprodukt. Ich bin hauptsächlich mit Übersetzungen beschäftigt.

Yolanda: In Ihrer Geschichte begegnet Tasso seiner Muse, hatten Sie schonmal eine vergleichbare Erfahrung?

Brigitte Münch: Nein – das war eine rein spontane Idee, die mir Spaß gemacht hatte.

Yolanda: Stellen Sie sich vor, Ihre Muse nimmt tatsächlich Gestalt an: wie sieht sie aus? Welche drei Fragen würden Sie ihr stellen?

Brigitte Münch: Sie sähe wohl so aus, wie ich sie in der Geschichte beschrieben habe. Was ich sie fragen würde? Vermutlich dasselbe wie Tasso …

Yolanda: In Ihrer Geschichte scheint Tasso den Abend zum Schreiben zu bevorzugen, sind auch Sie zu manchen Tageszeiten kreativer? Haben Sie bestimmte Routinen?

Brigitte Münch: Klar habe ich meine Tagesroutine. Ich bin auch noch mit anderen Dingen beschäftigt – am Schreibtisch sitze ich gewöhnlich von Mittags bis zum Abend. Kreativität hält sich nicht an Tages- oder Nachtzeiten – Inspirationen können einem jederzeit und überall kommen. Bei mir meist dann, wenn ich gar nicht am Schreibtisch sitze, sondern etwa gerade im Meer schwimme oder in den Bergen herumlaufe. Manchmal auch morgens früh gleich nach dem Aufwachen. Das Schreiben selbst ist ja im Grunde nur noch ein »Abschreiben« von dem, was sich im Innern angesammelt hat. Und dafür ist jede Tages- oder Nachtzeit gut – für jeden nach seinem Geschmack.

Vielen Dank für Ihre Zeit und für das Interview, Brigitte Münch und liebe Grüße nach Griechenland!


Quelle: Größenwahn-Verlag Frankfurt am Main